Mein Israel

 

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Das war er nun, der letzte Abend vor dem Abflug. Fast die gesamte Cottbuser Exil-Community aus Neukölln und Restberlin hatte sich hier in der M. Str. eingefunden, wo ich mich für meine letzten Tage vor dem Sprung ins gelobte Land eingenistet habe, um gewohnt entspannt zu plaudern und mir nebenbei lebewohl zu sagen. Die Hindernisse, die es zu überwinden gilt, wenn mensch BlutspenderIn werden will, die Vor- und Nachteile von privatwirtschaftlich organisierten Zapfstellen und dem Roten Kreuz waren ein Thema des Abends. Auch über das Vermächtnis der Schweden aus dem 30 jährigen Krieg und seine Auswirkungen hinsichtlich des kollektiven (Unter-)Bewußtseins in der ostdeutschen Provinz wurde diskutiert sowie die Eigenheiten unterschiedlicher Studienstandorte in Berlin-Brandenburg beleuchtet.

Die wirklich wichtige Erkenntnis aus diesem Abend rührt aber aus der Beantwortung der Frage, ob es bei Rotweinen in der Preisklasse von 1,69 bis 1,99 signifikante Unterschiede gibt. Geschmacklich kaum - d.h. die Schwierigkeit bzw. Leichtigkeit, die Flasche zu öffnen, um an das begehrte Getränk zu gelangen, wird zum entscheidenden Kriterium und da haben die Silikonkorken die Nase vorn. Da rümpfen Weinliebhaber und selbsternannte Experten die Nase, aber deren Meinung ist in dieser Preisklasse eh obsolet.

So, wo dies vermerkt ist, bleibt mir noch etwas Zeit, mich in die Untiefen des Blogger-Daseins zu begeben und mich der hohen Kunst des Layouts zu nähern, bevor heute Abend gegen 11 der Flieger mit Ziel Ben-Gurion-Airport abhebt. Steht noch die gewichtige Frage, ob mich mir morgen nach einer Nacht mit voraussichtlich wenig Schlaf und 25 Kilo Gepäck die Love Parade in Tel Aviv antue. Momentan tendiere ich eher dazu, dies zu verneinen. Aber wer weiss...

19.10.06 13:24


Sven und Benny bringen mich zum Flughafen. Ich war den ganzen Tag etwas muede, vielleicht der billige Supermarktwein. Nun bin ich aber doch etwas aufgeregt vor dem ersten mal Fliegen. Mit den beiden erzaehlen zu koennen, ein wenig herumzuflachsen, lenkt mich ab. Als ich eingecheckt habe, verabschiede ich sie und unterhalte mich ein wenig mit der Frau vor mir in der Schlange, die am Berliner Anne-Frank-Haus arbeitet und zu einer Weiterbildung nach Yad Vashem fliegt.

Und dann ist es soweit. Ich sitze fast ganz hinten im Flugzeug und das Beschleunigungsgefuehl ist atemberaubend. Erst war ich ja etwas traurig, dass der Flug abends geht, aber der Anblick des naechtlich erleuchteten Berlin ist wundervoll...

19.10.06 23:00


Ankunft 3 Uhr frueh auf dem Ben Gurion Flughafen. Die Passkontrolle zieht sich hin - weiss man immer erst hinterher, ob man sich in der richtigen Schlange angestellt hat. Aus dieser banalen Erkenntnis entspringt ein fast philosophischer Dialog mit einer aelteren Frau, die neben mir wartet und die offenbart, dass es sich bei ihr dabei um ein Lebensgefuehl handelt. Ploetzlich schiebt sich sich von hinten ein kraeftiger Mitvierziger durch und faengt an auf die Frau am Schalter einaureden... Danach geht es auch nicht schneller. Nach der Passkontrolle noch ein Interview, was ich denn in Israel vorhabe und wo ich so hin will und dann bin ich drin.
Gegen fuenf nehme ich den ersten Zug nach Tel Aviv. Auf dem Nordbahnhof, den ich zu diesem Zeitpunkt fuer die Central Station halte, steige ich aus, laufe ein wenig durch die fast menschenleere Gegend, umrunde die noch schlafende Diamantenboerse. Am Hintereingang des Bahnhofs, ich suche ein Schliessfach fuer meinen Rucksack, meine erste Kontrolle nach der Einreise. Ein sichtlich mueder junger Mannneben einem Metalldetektor fragt nach meinem Pass. Sonst ist niemand weit und breit. Ein Schliessfach findet sich nicht im Bahnhof - das heisst ich werde es den ganzen Tag mit mir rumschleppen.

Nachdem ich eine Weile rumgesessen habe, wahrend neben den Hochhaeusern die Sonne aufgeht, beschliesse ich, mir ein Taxi zu nehmen (die Angaben an den Bushaltestellen sind alle hebraeisch, ich habe null Durchblick) und mich ins historische Yafo/Jaffa am suedlichen Ende der Strandpromenade fahren zu lassen. Vielleicht kann ich da ein wenig Schlaf nachholen. Nach sechs Minuten Fahrt und 40 Shekel weniger in meiner Geldboerse bin ich am Strand und geniesse es meine Fuesse ins lauwarme Wasser zu halten. Schon jetzt sind eine Menge Surfer unterwegs, um die fruehen Wellen zu nutzen. Wenn sie rauspaddeln, sehen sie irgendwie aus wie Enten. In der Naehe einer Strandbar lege ich mich hin, um noch etwas zu ruhen.



Am Vormittag streife ich durch Yafo. Hier laesst es sich entspannt sitzen. Der Blick von von oben auf das Meer und das Tel Aviver Zentrum ist grossartig.
Irgendwann am fruehen Nachmittag raffe ich mich auf, die Strandpromenade entlang zu laufen - kleiner Rucksack vorn, grosser Rucksack hinten, irgendwo muss ja die Loveparade sein... von der ist heute allerdings nichts zu sehen.
Das Vorhaben bis ins Zentrum zurueck zu laufen, gebe ich irgendwann auf, da habe ich mich wohl ueberschaetzt. Ich frage mich nach einem Bus durch. Immerhin lassen die Strassen und Cafes etwas vom Tel Aviver Leben erahnen. Als mich der Busfahrer im Zentrum rausschmeisst, bin ich verwirrt - die Hochhaeuser zu denen ich laufe, sind nicht die Diamantenboerse von heute morgen. Also wieder zurueck - so langsam verlassen mich wirklich die Kraefte. Und dann faellt mir der Schabbes doch auf die Fuesse. Am Bahnhof meint der Wachmann, nach Jerusalem fahren keine Zuege mehr (es ist gerade 15 Uhr) sein Kumpel der Taxifahrer, der ein paar Brocken mehr englisch spricht, pflichtet bei und auf Nachfrage meint er, dass auch keine Busse mehr fahren. Er bietet mir an, mich fuer 250 Shekel nach Jerusalem zu fahren. Was bleibt mir anderes als einzuwilligen. Nachdem wir losgefahren sind, eroeffnet er mir, dass am Shabbat die Fahrt 40 Shekel mehr kostet... Ich komme mir verarscht vor.
Dass meine Laune nicht die besteist, merkt er wohl und versucht mir ein Gespraech ueber Fussball an die Backe zu druecken, was es in Dtl. alles fuer tolle mannschaften gibt.
Obwohl er weiss, wohin ich in Jerusalem will, laesst er mich an einer Bushaltestelle am Stadtrand aussteigen. Fuer 30 weitere Shekel bin ich dann in Beit Hakerem. es ist erst gegen 5 und Y., meine Gastgeberin fuer die ersten Tage, arbeitet noch bei sich zu Hause. Ich sage also kurz "Shalom", stelle meinen Rucksack ab und bekomme einen Schluessel. Bis um neun verbringe ich die Zeit mit herumstreifen und schlafen im Park. Die Gegend ist ruhig und beschaulich - erst recht am Freitag abend - nichts wo man etwas trinken koennte...

Als ich spaeter meinen Rucksack auspacke, um meinem schmerzenden Koerper die Wohltat einer Dusche zu goennen, stelle ich fest, dass mein Duschbad sich gleichmaessig verteilt hat. (Ausgerechnet mir passiert so ein Bagpacker-Roockie-Missgeschick). Aber ich ertrage es mit Gleichmut: Fuer etwas anderes habe ich heute keine Kraft mehr.
Den Abend ueber unterhalte ich mich mit M., Y. bester Freundin. Ihr Englisch ist ein wenig besser als mein Russisch. Sie erzaehlt, dass sie aus der selben Stadt wie Y. in der Ukraine kommt. Jetzt lebt sie in Ahdod (da sollen die Wellen noch besser sein als in Tel Aviv). Ich zeige ihr die Photos, die ich tags ueber gemacht habe.
Gegen elf sinke ich totmuede auf meine Matratze.
20.10.06 20:00


Ich erwache erst knapp 12 Stunden spaeter und spuere gleich den gestrigen Tag. Die Wohnung ist im Halbdunkel, da sie im Keller liegt. M. meint, das hat den Vorteil, dass es im Sommer angenehm kuehl ist - zum wach werden allerdings nicht das Wahre.

Wir fruehstuecken, unterhalten uns etwas ueber Musik, warum ich in Israel bin und was es fuer sie bedeutet, als ukrainische Immigrantin in Israel zu leben: Dort wurde sie als Juedin bezeichnet und hier als Russin. Das Gefuehl, Teil der Gesellschaft zu sein, hat sie hier wie dort nicht, sagt sie.

Gegen eins fahre ich mit einem Freund von Y. in Richtung Altstadt. In der Jaffa-Street laesst er mich raus. Hier ist es wirklich wie Sonntag. Nur wenige Leute schlendern durch die Strasse und ein einziger 24h Shop hat geoeffnet.

Ich betrete die Altstadt durch das Jaffa-Tor und schnell verliere ich mich im Gewimmel der kleinen Gassen in denen sich unzaehlige Basarstaende aneinander reihen. (Das ist nichts fuer Klaustrophobiker.) Wer Nippes sucht, wird hier garantiert fuendig. Ich beschliesse, definitiv nichts zu kaufen, was nicht unmittelbaren Gebrauchswert hat. Damit sind die Ausgaben eingegrenzt auf jene fuer eine Stadtkarte, Handyguthaben und etwas Essen.

Eine solche Haltung macht es fuer die Haendler natuerlich schwieriger und so wird schon mal zu ferner liegenden, naemlich politischen Argumenten gegriffen, um die vermeintliche Gunst des Kunden zu gewinnen: "Germans good in mind, but small money. Are in opposition of America. American big money and small mind." Ich sehe sofort ein, dass ich dieser Argumentation nichts entgegen zu setzen habe und entferne mich.

Wenig spaeter werde ich von zwei israelischen Soldaten aufgehalten und darueber aufgeklaert, dass ich gerade den dabei bin den Tempelberg zu betreten und dass dieser heute nur fuer Muslime offen ist. (Dass Al Quds-Tag ist, erfahre ich erst spaeter.)

Ich werde also umgeleitet und mit Hilfe der Karte finde ich den Weg zum juedischen Viertel. Von Zeit zu Zeit begegne ich Patroullien der Sicherheitskraefte. Der Anblick von zum Teil gerade 18 Jaehrigen mit Maschinengewehren ist sicher ungewohnt, aber als bedrohlich empfinde ich ihn (zumindest hier) nicht. Dann befindet sich hinter einem Durchgang der naechste Checkpoint und ich lese, dass hier der Zugang zum Gelaende der Western Wall ist...

Ich bleibe ausserhalb des Bereichs in dem gebetet wird. Wie in orthodoxen Synagogen auch, ist er in einen Teil fuer Maenner und einen fuer Frauen aufgeteilt. Fotos am Shabbat zu machen ist auch von ausserhalb nicht erwuenscht, wie ich nach meinem ersten Versuch erfahre. Ich sitze ein wenig am Rand und beobachte die Szenerie. Ich haette vermutet, dass ich ergriffener waere, aber dazu fehlt mir dann doch der spirituelle Zugang. Und ueber Artefakte mit archeologischem Wert ist man ja nicht ergriffen, sondern allenfalls erstaunt.

Die zahlreichen Sicherheitskraefte plaudern und scheinen gut gelaunt. Ich wende mich dem juedischen Viertel zu und entdecke eine 2m grosse vergoldete Menora, die dazu bestimmt ist, in einen moeglichen neuen Tempel umzuziehen. So lange wird sie hier in einem grossen Glas-Pavillion aufbewahrt.

Zwischen fuenf und sechs wird es schon dunkel. Als ich in einem kleinen Park in der naehe der Altstadt sitze, gibt es in der Naehe einen Knall, der mehrfach zwischen den Haeuserzeilen widerhallt. Der erste Gedanke ist der an eine Bombe - als nichts weiter passiert, laesst das Herzklopfen nach. Alles in alem habe ich nicht den Eindruck, hier oefters Sirenen zu hoeren, als in einer deutschen Stadt dieser Groesse.

21.10.06 19:00


In den letzten Tagen hab ich weiter die Stadt erkundet. Am Montag war ich an einem Fleckchen namens Yemin Moshe. Das ist wahrscheinlich einer der idyllischsten Plaetze in Jerusalem. Da steht eine Windmuehle und man kann auf die Altstadt hinueber blicken. Als diese von den Jordaniern besetzt war, musste man sich hier vor Scharfschuetzen in acht nehmen, heute ist es mit die teuerste Wohngegend.

Der Alex wohnt hier auch, ganz allein in einer vierstoeckigen Villa. Aber er darf niemanden rein lassen (sagt er).

Am Dienstag bin ich auf den Mount Scopus gelaufen. Das ist etwas ausserhalb im Nordosten der Stadt. Hier befindet sich die Hebrew University.


Auf der einen Seite kann man auf die ALtstadt mit dem alles ueberragenden Felsendom schauen und auf der anderen Seite in die Wueste blicken.

Auf meiner Suche nach einem Zimmer fuer laenger hat mich das allerdings auch nicht weitergebracht. Studentenheime sind nur fuer Stundenten - haette ich wissen koennen.

24.10.06 16:00


Fuer heute habe ich mir nach Konsultation meines 4,95 Euro ADAC-Reisefuehrers das Israel Museum vorgenommen. Da das mit den Bussen so eine Sache (die fahren manchmal einfach nicht dahin wo ich will) und das Museum in Fussreichweite ist, laufe ich - vorbei am Obersten Gerichtshof, dem naturwissenschaftlich-technischen Campus der Hebrew Uni, dem Bloomberg-Wissenschaftsmuseum. Auf der linken Seite dann etwas erhoeht die Knesset. Ich hatte das Gebaeude fuer ansehnlicher Gehalten. Man sieht ihm schon an, dass architektonisch Konzessionen an die Sicherheit gemacht werden mussten.

Das Israel Museum ist eine Art Museums-Park. Zuerst besuche ich das Gebaeude mit den Wechselausstellungen. Das Thema der gegenwaertigen ist Brot in seinen unterschiedlichen Bedeutungen und Verwendungen in rituellen Handlungen im Judentum und anderen Religionen. Ferner geht es um seine politische Bedeutung, wie auch die Geschichte seiner Herstellung. Methodisch ist die Ausstellung eine Mischung aus Texten, historischen Gegenstaenden und Video. Ausserdem liegen ueberall Brote in den verschiedensten Formen und Groessen. Nur die Warnhinweise, dass sie chemisch behandelt sind, halten einen davon ab, mal zu kosten.

Danachsehe ich mir das Modell der Jerusalemer Altstadt zur Zeit des 2. Tempels im Massstab 1:50 an. Ich bin durchaus fasziniert. Die heutige Klagemauer ist wirklich nur ein kleines Stueck des einmal fast 500m langen Heiligtums. Hier hilft der Audioguide, um sich einzelne herausragende Bauwerke erklaeren zu lassen. Ich setze mich ueber das Photoverbot hinweg und mache ein paar "Luftaufnahmen", bevor ich zum Schrein des Buches gehe.

Dieser ist unterirdisch angelegt und das Dach den Deckeln der Tonkruege nachempfunden, in denen die hier ausgestellten Schriftrollen aufbewahrt wurden. Es sind die aeltesten noch erhaltenen Bibeltexte und wurden in den spaeten 1940er Jahren in Qumran am Toten Meer entdeckt. Die Schriften sind um die 2000 Jahre alt und Ueberbleibsel einer Sekte, die damals Jerusalem verlassen hatte, um ein streng religioeses und asketisches Leben zu fuehren. Manche der Rollen sind 7-8m lang. Auch die Geschichte ihrer Entdeckung und die Wege, auf denen sie in den Besitz des Israel Museums gelangten, ist dokumentiert.

Anschliessend laufe ich hinauf zum Hauptgebaeude. Die archeolgische Ausstellung lasse ich aus und wende mich der Kunst zu, auch wenn das dort Gezeigte die Moeglichkeiten eines Besuchstages uebersteigt. Zumindest den Bereich der modernen Kunst, der verschiedene Genres von Oel, Photo ueber Video bis zur interaktiven Installation abdeckt, sehe ich mir an. Vielleicht kommer ich ja nochmal an einem ungemuetlicheren Wintertag hier her...

25.10.06 19:00





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