Mein Israel

 

* Startseite     * Archiv     * Gästebuch     * Kontakt








Mmmh, was hab ich denn so getrieben in den letzten Tagen?

Ich hab angefangen, in den hiesigen Archiven nach Material ueber die juedische Siedlung in Gross Gaglow zu forschen. Dazu war ich zwei mal im Leo Baeck Institut. Das liegt etwas versteckt im Sueden von Jerusalem. Ich hab die Akte zur Landwirtschaftsschule in Ahlem durchforstet und einen Artikel von Martin Gerson in der Absolventenzeitschrift gefunden. Gerson war der Leiter der "Juedische Landarbeit GmbH", welche das Projekt damals initiert hatte und spaeterer Leiter der Hechalutz-Einrichtungen zur Hachschara in Brandenburg.
Ausserdem habe ich die Yad Vashem-Aussage von Werner Neufliess durchgesehen. Er war, wie auch Gerson, in Teresienstadt und spricht in seinen Erinnerungen auch ueber ihn. In seiner Akte habe ich auch einen Artikel aus der Haaretz ueber MArtin Gerson gefunden, der allerdings auf hebraeisch ist. Mal sehen, ob ich jemanden finde, der den fuer mich uebersetzt.
Die Recherche im Zionistischen Zentralarchiv scheiterte daran, dass ich Dussel meinen Pass vergessen hatte. Aber zumindest direkte Treffer gab es bei der Indexsuche keine. Naechste Woche will ich mir die Akten zur Hachschara Anfang der 1930er vornehmen. Vielleicht findet sich doch etwas.

Ich versuche mir ein paar Brocken hebraeisch zuzulegen. Vor ein paar Tagen standen Zahlen auf dem Programm, da hab ich mit D., dem sechsjaehrigen Sohn von Y. geuebt: Er hat Zahlen aufgeschrieben und ich musste sagen, wie sie auf hebraeisch heisst. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis ich so gut bin wie er. D. ist sowieso ziemlich clever und lebendig. Sein Lieblingscomputerspiel ist Zoo Tycoon. Wahrscheinlich wird er mal den Jerusalemer Zoo uebernehmen. Zumindest hat er's schon ziemlich gut drauf. Nur mit dem finanziellen Management hat er es nicht so.

Inzwischen bin ich "umgezogen" und wohne gerade bei J., einem Freund von Y. in Emek Ephraim. Das ist etwas naeher an der Altstadt, mit ein paar Cafes. Waere ganz relaxed, wenn nicht so viel Durchgangsverkehr waere. Das Jerusalem Institute for Public Affairs, wo Alex arbeitet ist hier um die Ecke. Das beste ist, das ich hier Internet habe und nicht mehr ins Internetcafe muss, was ueber laenger ganz schoen ins Geld geht (und das geb ich doch lieber fuer Taxifahrten am Shabbat aus).

Mit D. und Ya., die auf unsere Abschiedsparty in Cottbus waren, hab ich mich auch getroffen. Jetzt kenne ich auch ein paar Locations abseits der grossen Jaffa Street. Das Kadosh mag ich und das Uganda, ein Musik- und Comic-Cafe ist auch ziemlich nett. (Die Jerusalembesucher unter euch werdens wissen).

Wo war ich noch? Ach ja, im Rockefeller Museum: Zweihunderttausend Jahre Regionalgeschichte in zwei Stunden! Und danach war ich noch auf dem Mount Zion (wobei Mount etwas uebertrieben ist, wie ich finde). Da ist das Grab von King David und in der Naehe ist auch Oscar Schindler begraben und ganz symptomatisch fuer Jerusalem - Bauten dreier Religionen auf engstem Raum.

Morgen abend faengt schon wieder der Shabbat an. Der letzte war echt doof. Das Wetter war verregnet (ausgerechnet immer am Wochende) und nichts zu machen in Beit Hakerem. Meine Buecher hab ich inzwischen fast alle ausgelesen. Vielleicht tausche ich sie ja ein gegen ein paar Skurrilitaeten aus den Second Hand Buecherlaeden hier.

2.11.06 18:27


Inzwischen bin ich ins New Shwedish Hostel umgezogen, bin nun also Bewohner des Armenischen Viertels der Jerusalemer Altstadt. Durch das gerade begonnene Semester ist der Wohnungsmarkt ziemlich angespannt und auf die Schnelle wohl nichts anderes zu finden. Aber das hostel ist auch ganz o.k. Klein, sauber und 40 NIS pro Tag fuer ein eigenes kleines Zimmer ist fuer Jerusalemer Verhaeltnisse echt guenstig, glaube ich. Was ein wenig nervt, ist, wenn in der oben drueber wohnenden Familie rumgeschrien wird und der Muezzin der nahe gelegenen Moschee kurz vor Sonnenaufgang in unangenehmer Lautstaerke und mit endlos langen "Allah ist gross"-Gesaengen zum Morgengebet ruft. Da kommt man schon ins ueberlegen, was das soll. Ist Allah schwerhoerig, ist das Ausdruck von Missionierungsdrang oder ein Minderwertigkeitskomplex. Andere REligionen kommen doch auch ohne diese Lautstaerke aus. Vielleicht sollte ich an geeigneter Stelle reklamieren, dass mir mein Schlaf heilig ist und gefaelligst auf meine Gefuehle Ruecksicht genommen werden soll.
5.11.06 05:30


Heute war ich in Yad Vashem. Letztes Jahr wurde dort ein neuer Museumsbau eroeffnet, der die zentrale Holocaust-Ausstellung beherbergt - eine Betonroehre mit dreieckigem Querschnitt, welche sich durch den Berg schiebt. So oft ich mich mit der Shoah auseinandersetzte, so viel ich auch lese, ich bin emotional immer wieder sehr mitgenommen, wenn ich mit dem Thema konfrontiert werde. Schon als ich die Ausstellungsraeume betrete, die Videopraesentation zur juedischen Welt vor der Shoah und halbverbrannte Dokumente von Menschen aus dem KZ Klooga sehe, muss ich meine Traenen unterdruecken.

Von der Ausstellung insgesamt bin ich sehr angetan. Sie deckt inhaltlich alle wichtigen Teilbereiche ab - angefangen bei Verweisen auf den christlichen Antijudaismus und die Entwicklung des modernen Antisemitismus, ueber die Machtergreifung der Nazis, die Degradierung, Enteignung, Isolierung und Verfolgung der Juden bis zur Kulmination in der systematischen Vernichtung. Das Wueten der deutschen Truppen und ihrer Helfer hinter der deutschen Ostfront wird dargestellt, ebenso die Zustaende in verschiedenen Ghettos und Konzentrationslagern. Auch der juedische Widerstand und die indifferente bis ignorante Haltung der freien Welt werden beschrieben.
Konzeptionell und methodisch ist die Ausstellung beeindruckend, erst Recht hinsichtlich der Integration architektonischer Moeglichkeiten. Auch wenn man aufgrund der Anordnung gezwungen ist, die gesamte Ausstellung zu durchlaufen, sollte man fuer sich Schwerpunkte setzen. Die Kombination verschiedener Medien und die Integration zahlreicher persoenlicher SChicksale in den Gesamtkontext ist ueberaus gelungen. Am Ende des Hauptganges, den man immer wieder kreuzt, aber nicht geradezu durchschreiten kann, oeffnet sich der Blick auf Jerusalem und wem bisher die Existenz israels und die Notwendigkeit seiner Verteidigung noch nicht klar war, dem sollte es spaetestens hier bewusst sein.

Auf dem Rueckweg vom Museum lauf ich ueber den Mount Herzl, vorbei an der Grabstaette des Begruenders der zionistischen Bewegung. Am Fuss des Berges gibt es auch ein Herzl-Museum, dass ich demnaechst wohl auch besuchen werde.

Die letzten Tage haben schon angedeutet, dass auch hier nicht immer Sommer ist - da bietet es sich an, noch um das ein oder andere Museum zu wissen.

Abends habe ich mich mit Of. getroffen, ein sehr netter Typ vom Hospitalityclub, der leider sehr beschaeftigt war, weswegen es nicht eher dazu kam. Vielleicht gehen wir mal zusammen wandern in der Wueste um Jerusalem... Danach war ich noch mit Ya. und Om. im Uganda - war ein netter Abdend mit anregenden Gespraechen.

7.11.06 23:59


Mein erster Ausflug aufs Land nach Givat Chaym Ichud, einem Kibbutz, drei Busstunden noerdlich (bei Hadera). Dort gibt es ein Museum zum Ghetto Theresienstadt (Beit Terezin). Ich wurde super nett mit Keksen und Kaffee empfangen und meine Recherche zu Gross-Gaglow und Martin Gerson war ein wirklicher Erfolg. Das Archiv ist ein wahre Schatz - ich habe mehr als 50 Seiten an Dokumenten kopiert. Wahrscheinlich fange ich demnaechst mit einem Artikel an.

Darueberhinaus war der Aufenthalt auch in anderer Hinsicht angenehm. Hier im noerdlichen Flachland ist es um einiges gruener als in den Bergen und die Luft merklich besser - Jerusalem stinkt ziemlich.
Ich hatte Gelegenheit, mich mit einer Frau, die seit ihrer Kindheit hier lebt zu unterhalten und sie erzaehlte wie sehr sich die Kibbutzim veraendert haben und das hier vor der Ansiedlung nichts als Steppe war.
Auf der anderen Strassenseite gibt es eine andere Siedlung, die etwas aelter ist. Die Gruender von Ichud stammen urspruenglich aus diesem Kibbutz. In den 50er Jahren zerstritt man sich an der Frage, ob man fuer oder gegen Stalin sei. Heute ist man aber wieder befreundet.

8.11.06 19:00


Gestern wollte ich eigentlich ins Herzl Museum, hat aber nicht geklappt - da muss man vorher reservieren. Naja, probier ichs halt naechste Woche nochmal. War auch ganz schoen, die Sonne und die Aussicht zu geniessen und in der Jerusalem Post zu schmoeckern. Ab und an ist so ein Informationsupdate ja nicht verkehrt um seine Umwelt besser zu verstehen. Man wundert sich, dass der Basar in der Altstadt geschlossen ist und erfaehrt erst spaeter, dass es einen dreitaegigen Generalstreik wegen dem Zwischenfall in Beit Hanun gibt. Im Laufe des Tages hab ich gehoert, dass es wohl auch Proteste am Damaskusgate im Norden der Altstadt gab - das erklaert die verstaerkte Polizeipraesenz heute morgen. Ansonsten ist eh gerade relativ viel Trouble wegen dem Gay Pride. In den letzten Tagen und Naechten gab es immer wieder Riots von Ultraorthodoxen in Mea Shearim und angrenzenden Stadtteilen, die versuchten Kreuzungen zu blockieren und Reifen als auch Muellcontainer in Brand setzten. Immer wieder erfuhr man von Drohungen gegen die Teilnehmer. So wurden mehrere Tausend Shekel auf die Ermordung von Homosexuellen ausgesetzt und eine Zusammenkunft von Rabbis sprach einen Todesfluch gegen Teilnehmer der Parade aus. Also wenn ich nicht lebend zurueckkomme, dann wisst ihr warum. Das Event fand naemlich statt, nicht als Paradde, sondern als Kundgebung im Stadion auf dem Uni-Campus und unter dem Motto "all colors of the rainbow". Bis jetzt war es fuer mich das schoenste Erlebnis in dieser Stadt. Auf dem Weg zum Campus sah man den Menschen schon an, dass ihnen etwas flau ist, um so ausgelassener war dann die Party.


Die Sonne schien und zum Auftakt spielten Hadag Nachash ihren grossartigen funky Hip Hop (Lars, Du darfst neidisch sein). Il. hab ich zufaellig wieder getroffen (er ist erst vor ein paar Tagen aus Aethiopien zurueckgekommen) und er hat mir die verschiedenen (linken) Politsekten, die sich auch hier auf solchen Events tummeln, und ihre Ansichten erklaert. Wir schlenderten entlang der Info- und Verkaufsstaende.
Die Redner auf dem Podium waren bunt gemischt. Viel hab ich natuerlich nicht verstanden, aber hier war heute durchaus der Geist der Freiheit, der Vernunft und der Aufklaerung zu spueren - eine wirkliche Wohltat in dieser Stadt.


Eine kleine Begebenheit am Rande: Jerusalems Polizeipraesident Ilan Franco, der in den letzten Tagen harschen Angriffen von Seiten der Religioesen ausgesetzt war, liess sich auch kurz blicken, umringt von Kameras. In einem Augenblick geringerer medialer Aufmerksamkeit warf er der Menge eine Kusshand zu. Kleine Geste mit grosser Aussage...

Zu meiner Ueberraschung wird in Israel den November-Pogromen von '38 nicht am 9., sondern am 10.11. gedacht. Warum, habe ich noch nicht rausgekriegt.

10.11.06 16:00


Wenn man sich einen Ueberblick ueber die wechselvolle Geschichte Jerusalems verschaffen will, bietet sich ein Besuch des stadthistorischen Museums in der Zitadelle an, gleich neben dem Jaffa-Gate. Da sie auf dem hoechsten Punkt der Altstadt liegt, hat man von hier auch den besten Blick auf die Daecher. Die Geschichte Jerusalems nachzuzeichnen spare ich mir, wuerde naemlich den Rahmen sprengen. Es gibt wohl kaum eine Stadt, die so oft erobert, zerstoert und wieder aufgebaut wurde, wie diese.
13.11.06 16:00


"Masada soll nie wieder fallen" so heisst es heute, wenn die jungen Rekruten der IDF auf dem Plateau fast 400m ueber dem Toten Meer vereidigt werden. Masada ist Symbol fuer juedischen Heldenmut und Freiheitswillen und bot sogar Stoff fuer eine Verfilmung. Die Festung war die letzte Trutzburg der juedischen Rebellen in ihrem Kampf gegen die roemischen Besatzer nach der brutalen Zerstoerung Jerusalems 70 n. Chr. In mehrmonatiger Belagerung durch eine 8000 Soldaten umfassende Legion in den Jahren 73/74 errichtetet die Roemer mehrere Camps und eine Rampe fuer den Belagerungsturm. Nachdem offenbar wurde, das die Festung fuer die etwa tausend Seelen zaehlende Gemeinschaft nicht zu halten ist, beschlossen die hoffnungslos Eingekesselten kollektiven Selbstmord zu begehen und den Tod einem Leben als roemische Sklaven vorzuziehen. Seither war Massada ein Mythos im juedischen Kollektivgedaechtnis. Erst im 19. Jh. wurde es wiederentdeckt und ab den 1920er Jahren zum Anziehungspunkt der juedischen Pioniere.


Es ist schon verdammt beeindruckend da oben zu stehen, auf das Tote Meer und die Negevwueste zu blicken, durch die Ruinen der von Herodes erbauten Palaeste! zu streifen und sich auszumalen, was sich vor ca. zweitausend Jahren hier abgespielt hat.


Nicht weit entfernt von Masada liegt En Gedi, eine gruene Oase, direkt am Meer. Zum Baden war es leider an diesem Tag schon zu spaet, da die Sonne schon um vier hinter den Felsen verschwindet und auch die Busse nach Jerusalem nur bis in den spaeten Nachmittag fahren. Aber ich komme bestimmt nochmal zurueck hierher fuer einen Tag am Meer.

14.11.06 20:18


 [eine Seite weiter]



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung